Jüdische Familiengeschichten aus Schotten (November 2025)

Anlässlich des Gedenktages zur Pogromnacht am 9. November 1938 erinnerte der Vogelsberger Kultur- und Geschichtsverein an die Schicksale jüdischer Familien in Schotten. Mehr als 40 Besucher waren zu dieser beeindruckenden und tief bewegenden Veranstaltung in die Räume des Heimatmuseums gekommen. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung von Andreas Göbel am Klavier und seiner Tochter Ebba mit der Geige. Tanja Leonhardt hatte ein seidenes Kunstobjekt mit Paul Celan’s „Todesfuge“ gestaltet.

Ebba und Andreas Göbel spielten zur Einstimmung das Hora-Hatikvah aus dem Israeli Concertino. Das Stück von George Perlman, einem Komponisten, Geiger und Violinlehrer manifestiert seinen Stolz auf seinen jüdischen Glauben und seine Herkunft. 

Andreas und Ebba Göbel

Claudio Vilardo erinnerte dann an drei ehemals in Schotten beheimatete jüdische Familien: Moritz Eckstein, Hermann Hamburger und Gustav Katz. Die Berichte stammen aus einem Buch von Hanno Müller über die Geschichte der Juden in Schotten und Einartshausen. Sie zeugen von der großen wirtschaftlichen Not in der sich unsere damaligen Mitbürger nach der Machtergreifung der Nazis befanden. 

Claudio Vilardo

In einem Schreiben von Moritz Eckstein vom Herbst 1935 an die Schottener Bürgermeisterei bat er um die Erlaubnis arbeiten zu dürfen. Er habe keine Verdienstmöglichkeiten mehr für seine Familie und sei ansonsten dem Hunger preisgeben. Außerdem habe er Schulden bei der Stadt. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP erlaubte ihm 1936 zwei Stunden wöchentlich bei der Stadt zu arbeiten. Aber so, dass er nicht mit anderen Arbeitern zusammenkommen kann. Er forderte, „ein Jude soll möglichst allein unter Aufsicht arbeiten“.

Auch Hermann Hamburger befindet sich 1936 in einer Notlage, da er keinerlei Einkommen mehr hat. Aus gesundheitlichen Gründen ist er nicht arbeitsfähig. Auch seine Frau ist krank. Das Wohnhaus ist mit einer Hypothekenschuld belastet. Ob der Wunsch Hamburgers entsprochen wurde, eine angemessene Beihilfe zum Lebensunterhalt zu erhalten, ist nicht bekannt. 

Am 2. September 1935 Uhr stellte Gustav Katz einen Antrag um Unterstützung bei der Stadt. Nach zwei schweren Operationen infolge vom Kriegsleiden, sei er nicht mehr in der Lage, sein Geschäft zu betreiben. Acht Monate später wiederholte er sein Gesuch. Das Haus sei mittlerweile verkauft, die Familie habe keinerlei Einkommen und Vermögen mehr. Die NSDAP Ortsgruppe empfiehlt, Gustav Katz könne ja „Steine kloppen“ und – wenn das nicht möglich sei – von seinen reichen Freunden in Amerika unterstützt werden.

Erinnerungen von Minna Bach an die Pogromnacht waren in Form eines von einer fremden Frauenstimme gesprochenen Textes zu hören. Ihr Mann betrieb die Filiale des Lebensmittelgeschäftes „Schade und Füllgrabe“. Er verliere wohl seine Stelle, befürchtete Minna Bach, da das „Judengeschäft“ geschlossen werden soll. 

Im Erdgeschoss hatten Salomon Goldschmidt, ein älterer kränklich Mann, und seine Tochter ein Textilgeschäft. „Sie sollten – so war zu hören – verprügelt werden, erinnerte sich Mina Bach. „Was sollten wir tun?“ Die Bachs entschlossen sich, Vater und Tochter Goldschmidt in ihrer Wohnung in einem kleinen Abstellraum zu verstecken. Hier konnten zwei Personen im Stehen unterkommen. Um neun Uhr am Abend wurde bei den Goldschmidts die Tür aufgebrochen. Da die SA-Männer niemanden vorfanden, kamen sie in die Wohnung von Minna Bach und ihrem Mann, um die beiden Juden zu suchen. Glücklicherweise bemerkten sie das Versteck nicht. Die Goldschmidts blieben in dieser Nacht körperlich verschont. 

Auch der Bericht von Katharina Fuld wurde von einer fremden Frauenstimme verlesen. Sie wohnte mit ihren drei Kindern im ersten Stock der Judenschule neben der Synagoge in der heutigen Vogelsbergstraße und erlebte die Zerstörungen in der Synagoge im Verlauf der Pogromnacht hautnah mit. Alles Interieur wurde auf die Straße geworfen. Fuld hatte ihre Wohnungstür verbarrikadiert. Sie erlebte aber einen großen Schrecken, als drei „besoffene gute Schottener Bürger“ gegen 0:30 Uhr einen Stein durch ein Wohnungsfenster warfen, der im Bett der jüngsten Tochter landete.  

Ebba Göbel

Nach diesen erschreckenden Berichten spielten das Duo Andreas und Ebba Göbel „Thema“, ein Stück aus Schindlers Liste, das von John Williams komponiert wurde. Es ist ein bedeutendes Stück in der Geschichte der Filmkomposition. Es wurde zuerst 1993 von Itzhak Perlman auf der Klarinette interpretiert und ist bekannt für seine tiefgründige und tragische Melodie.

Claudio Vilardo liest die "Todesfuge" von Paul Celan

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland  

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

© 1952 Deutsche Verlags-Anstalt München

In Erinnerung an die Ermordung vieler Kinder spielten Ebba und Andreas Göbel dann das Kinderlied „Wiegala“ von Ilse Weber zum Mitsummen. Ilse Weber war eine tschechische deutschsprachige jüdische Schriftstellerin und arbeitete in der Kinderkrankenstube vom KZ Theresienstadt. Als die Kinder nach Auschwitz deportiert wurden, meldete sie sich freiwillig, um die kranken Kinder zu begleiten. Sie und die Kinder wurden gleich nach ihrer Ankunft am 6. Oktober 1944 im KZ Auschwitz ermordet.

Ilse Weber

Ein Häftling vom Leichenträgerkommando, der Ilse Weber von der früheren Haft in Theresienstadt her kannte, ging zu den Wartenden. Zitat: „‚Stimmt es, dass wir duschen dürfen nach der Reise?‘ fragte sie. Ich wollte nicht lügen und so antwortete ich: ‚Nein, das hier ist kein Duschraum, es ist eine Gaskammer, und ich gebe dir jetzt einen Rat. Ich habe euch oft singen hören in der Krankenstube. Geh so schnell wie möglich in die Kammer. Setz dich mit den Kindern auf den Boden und fangt an zu singen. Sing, was du immer mit ihnen gesungen hast. So atmet ihr das Gas schneller ein. Sonst werdet ihr von den andern zu Tode getreten, wenn Panik ausbricht.’“

Der zweite Teil des Abends wurde mit der Musik Nocturne aus dem Israeli Concertino von George Perlman eingeleitet. 

Nach dem Krieg gab es in Schotten keine Juden mehr. Claudio Vilardo las deshalb aus den Erinnerungen von Ernst Loewy. Er war Jude und emmigrierte in den 1930er Jahren nach Palästina in Israel. Dort lebte er unter anderem auf einem Kibbuz und arbeitete später als Buchhändler. 1956 kehrte er in seine Heimatstadt Frankfurt am Main zurück. Seine Texte befassen sich mit dem Identitätskonflikt: Jude, Israeli und Deutscher und was es bedeute, nach dem Krieg zurück nach Deutschland zu gehen, obwohl er Jude war. Welche Gefühle damit verbunden sind wie Zugehörigkeit und Heimat, aber auch Widersprüche. Es sei eine emotionale und philosophische Entscheidung gewesen, nicht bloß eine Rückkehr schrieb er.

Dem folgten Geschichten von jüdischen Menschen, die nach dem Krieg zunächst als „Displaced Persons“ in dem Lager Föhrenwald bei München lebten. Es waren Überlebende aus Konzentrationslagern. 1957 wurden sie u.a. nach Frankfurt am Main verteilt. Die „Föhrenwalder“ lebten viele Jahre in einem Block der Waldschmidtstraße. 

Darunter war Lea Fleischmann, die 1947 in Föhrenwald geboren wurde. Sie trägt den Namen ihrer ermordeten Großmutter. Sie ging in Frankfurt zur Schule und studierte Pädagogik und Psychologie. Von 1973 bis 1979 war sie im hessischen Schuldienst. Ihre damaligen Erfahrungen veranlassten sie, mit ihren beiden Kindern nach Israel auszuwandern. Sie lebt in Jerusalem als Schriftstellerin.

Buch von Lea Fleischmann (Hamburg 1980)

In ihrem vielbeachteten Buch „Dies ist nicht mein Land. Eine Jüdin verlässt die Bundesrepublik.“ – eine autobiografische Abrechnung mit Deutschland – schreibt sie: „In meiner frühen Kindheit bestand die Welt aus zwei Sorten Menschen. Aus Juden und Nazis. Die Juden kannte ich, die Nazis auch. Aus Hunderten von Erzählungen, aus jedem jüdischen Schicksal. Deutsch und Nazi waren für mich damals austauschbare Begriffe. Ich war damals davon überzeugt, die Deutschen seien Nazis, Mörder und Verbrecher.“

Doch was sie dann in Frankfurt erlebte, passte nicht zu den Erzählungen ihrer Eltern. „Meine Lehrer waren sehr nett. Meine Mitschüler auch. Und die Verkäufer in Geschäften waren ebenfalls freundlich. Ich habe keine Mörder und Verbrecher kennengelernt, sondern normale Menschen.“ Und doch gehörte beides zur Realität. „Es war wie ein Loch in der Geschichte, für das es keine Erklärung gab.“

Erst als Lea Fleischmann Lehrerin wurde und als Beamtin im deutschen Staatsdienst arbeitete, fand sie eine Erklärung. „Für alles gab es eine Vorschrift oder eine Anweisung.“ Sie sah Parallelen zu dem, was sie über den Nationalsozialismus gelesen hatte. Nämlich, dass es auch damals für jeden Schritt einen Erlass gegeben hat. „Letztendlich waren es korrekte, anständige Beamte, die den Holocaust durchgeführt haben“, sagt Fleischmann noch heute. „Natürlich, mit den Nazis kam eine Gruppe an die Macht, die furchtbare Ideen hatte. Aber umgesetzt hat diese ein Heer von korrekten Beamten.“ 

Als 1972 der sogenannte „Radikalenerlass“ vor allem Kommunisten aus dem Staatsdienst fernhalten sollte, erlebte die junge Lehrerin, wie nicht nur Lebensläufe überprüft wurden, sondern auch beobachtet wurde, welche Kneipen man besuchte und welche Gedichte im Unterricht gelesen wurden. Da habe sie gedacht: „Was wird in Deutschland passieren, wenn wieder eine radikale Partei an die Macht kommt?  Und neue Gesetze erlassen werden? Die Beamten werden diese ausführen, so wie sie es schon einmal getan haben.“

Arno Stern kam im Januar 2019 als 95jähriger noch einmal nach Schotten

Den Abschluss bildeten Erinnerungen an den Besuch von Arno Stern, auch er ein Überlebender des Holocaust. Er kam im Januar 2019 als 95jähriger noch einmal nach Schotten. Der in Paris lebende Pädagoge und Forscher erinnerte sich bei seinem Besuch an seine Kindheitserlebnisse in Schotten. „Ich bin ein Schottener Kind“, sagte er. Seine unmittelbaren Vorfahren stammten von hier. Seine Eltern zogen zwar unmittelbar vor seiner Geburt nach Kassel. Aber häufig besuchte er seine Großeltern und konnte sich u.a. noch an die ersten Motorradrennen in Schotten erinnern. Der Großteil seiner Verwandten wurde von den Nazis ermordet. Seine Eltern flohen nach Frankreich. Dort sollte er Kriegswaisen betreuen. Er ließ sie malen, ohne sich einzumischen. Daraus entstanden die ersten „Malorte“, in denen Arno Stern viele Menschen beim Malen und in ihrer freien Entwicklung gefördert und begleitet hat.

 

Zum Abschluss des Gedenktages spielten Ebba und Andreas Göbel die Fantasie-Recitative aus dem Israeli Concertino von George Perlman, ein fröhliches Stück nach diesen doch sehr schweren Erinnerungen.

Unsere drei Künstler
 
 
 
Der erste Teil des Berichts stammt inhaltlich von Stefan Weil, veröffentlicht im Kreis Anzeiger vom 12. November 2025